Mittwoch, 9. Oktober 2013

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Weiter geht es mit der kleinen Vorschau auf "Die zweite Nacht". 


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Kaum hatte ich die Eingangstür aufgeschlossen und die dunkle Vorhalle betreten, seufzte ich erleichtert. Das Taxi hatte gewendet und ich konnte endlich ungestört diesen verfluchten BH ausziehen. 
Das Haus, in dem ich wohnte, sah zwar von außen nicht so aus, war innen aber piekfein und die Miete ganz und gar nicht billig. Der Vorteil daran war, dass hier fast nur Rentner wohnten, die mich in Ruhe ließen. Im Gegenzug hörte man von mir natürlich ebenfalls keinen Ton. 
Seit zwanzig Uhr herrschte hier in den meisten Wohnungen strenge Bettruhe und ich konnte mich jetzt – um kurz nach elf – ungestört im Flur ausziehen. Eine Sekunde länger und der BH würde mich tatsächlich aufspießen.
„Scheiße. Scheiße. Scheiße“, verfluchte ich das Ding, während ich in meinem Ausschnitt herumfummelte. Noch immer verstand ich nicht ganz, warum ich mir überhaupt diese Unterwäsche von Elena hatte aufschwatzen lassen. 
Erleichterung durchflutete mich, als die schwarze Spitze endlich in den Händen hielt. Am liebsten hätte ich die Wäsche direkt in einer feierlichen Zeremonie verbrannt.
Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung streckte ich den Rücken durch und überlegte, ob ich die Post mit nach oben nehmen sollte – oder ob ich mir dieses Highlight lieber bis morgen aufheben wollte. Dann hätte ich wenigstens einen Grund, meine Wohnung zu verlassen.
In diesem Moment trafen unsere Blicke sich. Er stand vor den Briefkästen und starrte mich an, als ob ich ein Alien wäre. Schnell spulte ich die letzten Sekunden vor meinem inneren Auge ab. Wie clever, mich nicht umzusehen, bevor ich mir elegant die Kleidung vom Leib riss! 
Er war überaus attraktiv und schien in meinem Alter zu sein; vermutlich der Enkel von einem der älteren Paare, die hier lebten. Mein Puls hatte sich merklich beschleunigt und ich suchte nach einer Floskel in meinem Kopf, die für diese Situation geeignet war. Leider fielen mir nur Schimpfworte ein. 
Für mich, nicht ihn – er konnte ja nichts dafür. Gut, er hätte sich vielleicht räuspern können, stattdessen schien er einfach erstarrt zu sein und bemühte sich krampfhaft, weder auf meinen BH noch meinen Busen zu glotzen. Sein Blick hatte sich auf mein Gesicht geheftet und ich bedauerte, dass er so weit im Schatten stand. Ich konnte lediglich erkennen, dass er ein gut geschnittenes Gesicht mit ausgeprägtem Kinn und helle Haare hatte.

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